Interview: Zwei Gemeinden für den Buoholzbach

Interview mit
Adrian Scheuber, Gemeinderat Oberdorf; Mitglied Projektsteuergruppe

Andreas Bünter, Gemeindeschreiber Wolfenschiessen; Mitglied Projektsteuergruppe

Wenn ihr an eure persönlichen Anfänge zurückdenkt: Wann wurde euch persönlich klar, dass beim Buoholzbach Handlungsbedarf besteht?

Adrian Scheuber:

Wenn man hier aufgewachsen ist, weiss man schon früh, welche Gefahren der Buoholzbach bei einem Unwetter mit sich bringen kann. Das Ereignis im August 2005 war dann ein einschneidender Moment. Ich war damals als Offizier bei der Feuerwehr im Einsatz und habe die Situation direkt miterlebt. Die starken Überschwemmungen und grossen Geschiebemengen im Bereich des Buoholzbaches und der Engelberger Aa haben deutlich gemacht, dass der bestehende Schutz nicht ausreicht. Dieses Ereignis war ein Weckruf für Gemeinden, Kanton und Fachstellen. Danach begann eine neue Beurteilung der Situation und die Suche nach besseren Lösungen. Vor rund zehn Jahren bin ich dann in meiner heutigen Funktion als Gemeinderat mit dem Ressort Sicherheit und Tiefbau in das Projekt eingestiegen.

Andreas Bünter:

Ich kannte den Bach ebenfalls aus meiner Zeit bei der Feuerwehr Wolfenschiessen, wo ich Kommandant war. Es gab immer wieder Ereignisse beim Buoholzbach, kleinere «Ehrenrunden», könnte man sagen. Aber 2005 wurde klar, dass der bestehende Sammler nicht mehr ausreicht. Wenn die Engelberger Aa aufstaut, steht im schlimmsten Fall der ganze Stanserboden unter Wasser. Dieses Wissen prägt.
 2009 bin ich als Gemeindeschreiber in die Projektgruppe gekommen; damals von der Verwaltungsseite her.

Der Buoholzbach beschäftigt die Region seit dem Unwetter 2005. Was hat dieses Projekt gegenüber früheren Anläufen oder Massnahmen grundsätzlich verändert?

Andreas Bünter:
Der entscheidende Durchbruch kam mit der Idee von Viktor Schmidiger, damaliger Leiter des kantonalen Amts für Naturgefahren. Man könnte sagen: Damit wurde der gordische Knoten gelöst.
 Vorher wurden zahlreiche Varianten geprüft, geplant und wieder verworfen. Gleichzeitig mussten Gespräche mit den ansässigen Gewerbebetrieben geführt werden. Teilweise mit der Perspektive, dass sie ihre Standorte verlassen müssten. Das waren keine einfachen Gespräche. Umso überraschender und erfreulicher war es später auch, den Unternehmern zu erklären, dass es nun doch eine Lösung gibt, die ein Verbleiben ermöglicht.

Adrian Scheuber:

Die Ereignisse von 2005 haben gezeigt, dass punktuelle Schutzmassnahmen nicht mehr genügen. Es brauchte ein umfassendes Hochwasserschutzkonzept auf kantonaler Ebene. Der Fokus verschob sich damit von einzelnen lokalen Eingriffen hin zu einer grossräumigen Lösung. Dazu gehören unter anderem ein Raum zur Rückhaltung von Geschiebe sowie Leitdämme.

Gab es einen Moment, in dem klar war: Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir müssen dieses Grossprojekt realisieren / entscheiden / vorankommen?

Andreas Bünter:

Der entscheidende Moment war 2021, als der Kredit von rund 46 Millionen Franken gesprochen wurde. Damit war klar: Jetzt geht es vorwärts. Bereits vorgängig wurde deutlich, dass wir als Milizorganisation, also die Gemeinden Oberdorf und Wolfenschiessen, ein Projekt dieser Grössenordnung weder fachlich noch ressourcenmässig alleine stemmen können. Deshalb übernahm der Kanton die Projektführung.

Adrian Scheuber:

Mit dem Kreditbeschluss des Landrates im Jahr 2021 fiel der klare Entscheid zur Umsetzung. Anschliessend wurde das Bauprojekt im Detail ausgearbeitet und 2024 vom Regierungsrat genehmigt.

Welche Verantwortung tragen Wolfenschiessen und Oberdorf konkret im Projekt, über die (Mit)-Finanzierung hinaus?

Adrian Scheuber:

Neben der finanziellen Beteiligung übernehmen die beiden Standortgemeinden wichtige Aufgaben in der Umsetzung vor Ort. Dazu gehören beispielsweise die Mitwirkung bei Landverhandlungen und beim Erwerb von Land, die Abstimmung mit Grundeigentümern und Anwohnern sowie die Einbindung des Projekts in die kommunale Planung.

Beide:

Für beide Gemeinden war immer klar, dass wir diese Verantwortung gemeinsam tragen. Der Buoholzbach ist ein Grenzbach; gegen aussen ist es ein gemeinsames Projekt. Auch wenn die Bevölkerung von Wolfenschiessen nie direkt betroffen war, wurde die Verantwortung stets gemeinsam wahrgenommen.
 Auch langfristig bleiben beide Gemeinden beim Unterhalt der Anlage eingebunden.

Ein Hochwasserschutzprojekt dieser Grössenordnung ist ein erheblicher finanzieller Aufwand. Wie habt ihr der Bevölkerung erklärt, dass sich diese Investition lohnt? Wie habt ihr diesen Prozess erlebt?

Andreas Bünter:

Die Bevölkerung kennt Hochwasserschutzprojekte bereits aus eigener Erfahrung. In Wolfenschiessen wurden früher schon Projekte umgesetzt. Das Bewusstsein für die Gefahren war also vorhanden. Klar war auch: Wir müssen nicht nur lokal handeln, sondern auch Verantwortung für den Schutz im Tal übernehmen. Eine Frage, die wir allerdings mehrfach erklären mussten, war, weshalb sich die Gemeinden Stans und Stansstad finanziell nicht beteiligen, obwohl der Stanserboden stark betroffen ist.

Adrian Scheuber:

Die Argumentation stützte sich stark auf Risiko- und Kostenanalysen. Diese zeigten, dass ohne Schutzmassnahmen ein erhebliches Schadenpotenzial besteht bis in den Stanser Talboden hinein. Schäden könnten jährlich in Millionenhöhe entstehen.
 Gleichzeitig wurde aufgezeigt, dass das Projekt nicht nur Schutz bietet, sondern auch ökologische Mehrwerte schafft, etwa neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie attraktive Naherholungsräume inklusive Vita Parcours.

Welche Rolle und Verantwortung hattet ihr beide im Projekt bis zum Baustart und welche Aufgabe habt ihr aktuell während der Realisierung?

Beide:
Bis zum Baustart bestand die Hauptaufgabe darin, das Projekt mitzugestalten, es mit Fachstellen, Bund und Grundeigentümern abzustimmen und die Bevölkerung laufend zu informieren.
 Während der Bauphase geht es heute vor allem darum, die Interessen der Gemeinden in der Projektsteuergruppe einzubringen, die Bevölkerung über Sperrungen und Änderungen zu informieren sowie die Umsetzung der Landschafts- und Naherholungsflächen zu begleiten.

Wie erlebt ihr die Zusammenarbeit innerhalb der Projektsteuergruppe? Insbesondere zwischen Kanton, Fachstellen und eurer Gemeinde? Gibt oder gab es Spannungsfelder?

Beide:

Diskussionen gehören bei einem Projekt dieser Grössenordnung selbstverständlich dazu. Insgesamt erleben wir die Zusammenarbeit aber als sehr konstruktiv und lösungsorientiert. Auch wenn es gelegentlich Abgrenzungsfragen gibt, werden diese sachlich diskutiert. Am Ende steht immer das Gesamtinteresse des Projekts im Vordergrund.

Welche Rückmeldungen aus der Bevölkerung hat euch seit Projektstart am meisten beschäftigt oder überrascht? Habt ihr mit den Anwohnern einen regen Austausch? Positiv/negativ?

Adrian Scheuber:

Der Austausch mit der Bevölkerung ist intensiv und wichtig. Gerade bei Themen wie Sperrungen, Baustellenverkehr oder Umleitungen braucht es transparente Kommunikation. Entscheidend ist, ehrlich zu informieren und niemanden zu vergessen.
 Die Verantwortlichen haben sehr viel Zeit in Gespräche mit Anwohnern und Grundeigentümern investiert. Dadurch entstand mit der Zeit Vertrauen.

Andreas Bünter:

Negative Reaktionen gab es nur selten. Natürlich bringt eine Baustelle Lärm und Einschränkungen mit sich, aber das wird von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert.

Nach dem ersten Baujahr: Was hat sich bestätigt? Hat euch «etwas» unerwartet gefordert oder überrascht?

Adrian Scheuber:

Es hat sich bestätigt, dass grosse Infrastrukturprojekte eine enge Zusammenarbeit zwischen Behörden, Fachstellen und Gemeinden benötigen. Besonders anspruchsvoll war die Organisation der Verkehrsführung und der Zugänge während der Bauarbeiten sowie die rechtzeitige Information der Bevölkerung. Diese Kommunikation wurde von den Projektverantwortlichen sehr gut umgesetzt.

Andreas Bünter:

Diese Einschätzung kann ich so bestätigen.

Wenn ihr auf die kommenden zwei Jahre bis zur Fertigstellung schaut: Wo seht ihr aktuell die grössten Herausforderungen?

Andreas Bünter:

Für mich besteht die wichtigste Aufgabe darin, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass auf der Baustelle effizient gearbeitet werden kann. Die Bauunternehmung leistet hervorragende Arbeit. Es gilt, ihnen dafür die nötigen Voraussetzungen zu sichern.

Adrian Scheuber:

Die Bauarbeiten sind gut unterwegs, aber die nächsten Schritte bleiben anspruchsvoll. Dazu gehören insbesondere der Abschluss der grossen Bauetappen wie der Bau der Dämme und des Geschieberückhalteraums sowie die Abstimmung zwischen Hochwasserschutz, ökologischer Gestaltung und der Nutzung als Naherholungsgebiet.

Was soll eurer Meinung nach in 20 oder 30 Jahren über dieses Projekt gesagt werden aus Sicht eurer Gemeinde?

Adrian Scheuber:

Idealerweise wird man sagen, dass der Hochwasserschutz Buoholzbach Leben, Eigentum und Wirtschaft im Stanser Talboden wirksam schützt. Gleichzeitig soll das Projekt ökologische und gesellschaftliche Mehrwerte geschaffen haben und als Beispiel für erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Kanton, Bund und Bevölkerung gelten.

Andreas Bünter:

Vielleicht klingt es etwas speziell, aber eigentlich wäre das beste Kompliment, wenn das Projekt irgendwann fast vergessen ist, weil alles funktioniert. Selbst wenn ein starkes Ereignis eintritt, passiert nichts. Dann wissen wir, dass die Lösung wirklich funktioniert.

Unterscheiden sich die Perspektiven von Wolfenschiessen und Oberdorf in gewissen Punkten oder ziehen beide Gemeinden am gleichen «Strick»?

Adrian Scheuber:
Das gemeinsame Ziel eines wirksamen Hochwasserschutzes verbindet beide Gemeinden klar. Natürlich gibt es lokal unterschiedliche Schwerpunkte etwa bei Wegen, Erschliessungen oder Naherholungsinteressen. Insgesamt ziehen wir aber in dieselbe Richtung.

Andreas Bünter:

Genau so sehe ich das auch. Selbst wenn unterschiedliche Interessen bestehen, finden wir gemeinsam einen Konsens.

Im vergangenen Jahr haben verschiedene Events stattgefunden: Eröffnung der beiden Brücken, der grosse «Tag der offenen Baustelle» - hat / haben diese zum Verständnis der Bevölkerung beigetragen?

Adrian Scheuber:

Ja, solche Veranstaltungen sind sehr wertvoll. Die spektakuläre Montage des Bürerstegs oder der Tag der offenen Baustelle am 30. August 2025 haben den Projektfortschritt sichtbar gemacht und das Verständnis für Aufwand und Nutzen gestärkt. Solche Anlässe fördern Dialog, Transparenz und die Identifikation der Bevölkerung mit dem Projekt. Schön war auch zu sehen, wie der Bürersteg in der Adventszeit von der Bevölkerung geschmückt wurde.

Andreas Bünter:

Der Tag der offenen Baustelle hat sehr viele positive Rückmeldungen ausgelöst. Auch die kleineren Anlässe rund um die Brücken-Eröffnungen wurden von den Anwohnerinnen und Anwohnern sehr geschätzt.

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