Interview mit dem Revierförster Ruedi Scherer
Interview mit Revierförster Ruedi Scherer
Du bist seit vielen Jahren als Revierförster tätig. Welche Beziehung hast du persönlich zum Gebiet rund um den Buoholzbach?
Ich habe eine sehr enge Beziehung zu diesem Gebiet. Seit 1991 habe ich den Wald auf der linken Seite des Buoholzbachs Schritt für Schritt in einen mehrstufigen Bestand (Plenterwald) überführt. Alle fünf bis zehn Jahre habe ich gezielte, eher sanfte Eingriffe gemacht, um diese Struktur weiterzuentwickeln. Solche gut erschlossenen und nachhaltig aufgebauten Wälder gibt es nicht viele im Kanton Nidwalden. Für mich war das immer ein besonderer Wald.
Über die Jahre sind neue Aktivitäten dazugekommen: Vor rund 20 Jahren entstand hier eine Waldspielgruppe, die ich beim Aufbau begleiten durfte. Auch das Waldmobil war regelmässig vor Ort, und oberhalb des Holzlagerplatzes fanden viele Schulbesuche statt. Das Gebiet war also nicht nur forstlich, sondern auch pädagogisch von grosser Bedeutung.
Umso stärker war der Einschnitt für mich persönlich, als Teile dieses Waldes gerodet wurden. Es war über viele Jahre hinweg eine echte Herzensangelegenheit.
Wie hat sich der Wald und die Landschaft in diesem Gebiet während deiner Zeit als Förster verändert?
Der Wald war schon immer ein Erholungswald. Entsprechend wurde er bewusst zurückhaltend bewirtschaftet. Das hat dazu geführt, dass die Bestände über die Jahre dichter geworden sind und die Bäume an Stärke gewonnen haben.
Sobald punktuell eingegriffen wurde, zeigte sich allerdings eine typische Herausforderung: Neophyten (Sommerflieder) breiten sich schnell aus, sobald mehr Licht auf den Boden fällt und die Beschattung des Waldbodens ungenügend ist, breiten sich diese Arten rasch aus. Die grosse Herausforderung ist dabei, genügend Licht und Wärme auf den Boden zugeben, damit eine Ansamung (natürliche Verjüngung) stattfinden kann.
So hat sich der Wald insgesamt in Richtung dichter, älterer Bestand entwickelt, mit der gleichzeitigen Aufgabe, invasive Pflanzen immer wieder im Griff zu behalten.
Welche Rolle spielt der Wald aus deiner Sicht beim Hochwasserschutz in einem Gebiet wie dem Buoholzbach?
Der Wald übernimmt im Hochwasserschutz eine zentrale Rolle. Bei starken Niederschlägen wirkt er wie ein natürlicher Filter: Ein Teil des Wassers wird im Boden, in der Krautschicht und im Jungwald zurückgehalten, sodass es verzögert abfliesst. Gleichzeitig stabilisiert der Wald die Hänge entlang des Bachs. Die Verwurzelung verankert den Boden und reduziert das Risiko von Rutschungen. Gerade in steileren Bereichen ist das entscheidend. Deshalb ist die gezielte Pflege des Schutzwaldes so wichtig. Sie sorgt dafür, dass der Wald diese Funktionen langfristig erfüllen kann.
In welcher Funktion warst du im Hochwasserschutzprojekt Buoholzbach eingebunden?
Im Projekt war ich in mehreren Funktionen eingebunden. Einerseits war ich für die Holzanzeichnung verantwortlich, also für die Festlegung, welche Bäume gerodet werden mussten. Darüber hinaus konnte ich mich bei den Vergabungen als fachlicher Impulsgeber einbringen und punktuell Empfehlungen aus forstlicher Sicht abgeben. Ein weiterer Schwerpunkt lag bei der Wiederbewaldung. Hier durfte ich die Baumarten definieren und festlegen, in welcher Dichte gepflanzt wird. Die Umsetzung und langfristige Verantwortung für die Wiederbewaldung liegt beim Amt für Wald und Naturgefahren.
Welche konkreten Aufgaben hattest du im Zusammenhang mit den Rodungen und den Arbeiten im Waldgebiet?
Meine Hauptaufgabe war die Anzeichnung der Bäume für die Rodung. Das ist gesetzlich klar geregelt: Gemäss Waldgesetz müssen die betroffenen Bäume vorgängig markiert werden, damit transparent ist, welche Bestände entfernt werden.
Bei einem Projekt dieser Grössenordnung treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Wie hast du die Zusammenarbeit zwischen Forst, Planung und Bau erlebt?
Die Zusammenarbeit habe ich als sehr angenehm erlebt. Es gab stets einen offenen Austausch. Wenn ich Beobachtungen gemacht oder Ideen eingebracht habe, wurde das aufgenommen und geprüft. Umgekehrt hatte die Projektleitung bei Fragen jederzeit bei mir einen Ansprechpartner.
Auf der Projektfläche wurde viel Holz gerodet. Was passiert eigentlich mit dem Holz, das bei solchen Rodungen anfällt?
Das gerodete Holz wird je nach Qualität unterschiedlich genutzt. Ein Teil, vor allem Holz von geringerer Qualität, wird zu Holzschnitzeln verarbeitet und in Heizungen zur Energiegewinnung eingesetzt. Ein weiterer Teil wird als Brennholz aufbereitet und beispielsweise für Cheminées verkauft. Hochwertigeres Holz, sogenanntes Sägereiholz, wird zu Brettern verarbeitet und in der Region sowie in umliegenden Kantonen weiterverwendet. So kann das gesamte Holz sinnvoll genutzt werden.
Neben deiner Tätigkeit als Förster engagierst du dich auch stark in der Waldpädagogik. Welche Bedeutung hat dabei das Waldmobil, das am Holzlagerplatz stationiert werden soll?
Über viele Jahre war ich regelmässig mit Schulklassen im Buoholzbachwald unterwegs. Mit der Zeit wurde die forstliche Arbeit intensiver, die Reviere vergrössert und gemeinsam mit einer Lehrerin entstand die Idee des Waldmobils. (Anhänger mit diversen Materialien vom Wald und Jagd).
Das Ziel war, dass Lehrpersonen den Wald eigenständig besuchen und das vorhandene Material für Schulische Zwecke einsetzen können. Sie wurden entsprechend geschult und konnten mit dem Waldmobil selbständig arbeiten, während ich nur noch punktuell begleitet habe.
Aktuell ist das Waldmobil an verschiedenen Standorten im Einsatz und soll später wieder zum neuen Holzlagerplatz zurückkehren. Mir war wichtig, dass dieser Platz wieder sicher und nutzbar gestaltet wird. Mit stabilen Eisenpfosten, damit die Holzstämme sicher gelagert sind, wenn Kinder in der Nähe spielen.
Wenn du auf das Hochwasserschutzprojekt schaust: Was bedeutet dieses aus deiner Sicht langfristig für Landschaft, Wald und Bevölkerung?
Langfristig bedeutet das Projekt vor allem mehr Sicherheit für den Stanser Talboden. Gebiete, die heute als gefährdet gelten, können künftig wieder genutzt und weiterentwickelt werden.
Gleichzeitig entsteht durch die Wiederbewaldung mit klimaresistenten Baumarten ein attraktives Naherholungsgebiet für die Bevölkerung. Der Wald wird wieder wachsen und auch die Tierwelt wird in diesen Raum zurückkehren.
Im Idealfall denkt man in 20 Jahren gar nicht mehr daran, wie riesig einst das Bauprojekt war. Natur und Mensch werden davon gleichmässig profitieren.
Sehr auffällig im Gelände sind die in engem Abstand stehenden Zaunpfähle. Was ist deren Zweck und weshalb mit so geringem Abstand, wenn man sich vorstellt, welchen Platz ein ausgewachsener Baum dereinst beanspruchen wird.
Die jungen Bäume, Eichen, Kastanien, Kirschen, Föhren und Lärchen, werden in einem frühen Stadium (10–60cm hoch) gepflanzt und sind dann noch sehr empfindlich. Ohne Schutz würden sie vom Wild, insbesondere durch Verbiss an den Knospen, stark geschädigt oder sogar zerstört. Die eng gesetzten Pfosten mit Schutzgittern dienen deshalb in erster Linie dazu, die Pflanzen in dieser wichtigen Anfangsphase zu schützen.
Der enge Pflanzabstand hat aber noch einen weiteren Zweck: Die Fläche soll möglichst schnell wieder bestockt werden, damit schnell Schatten entsteht. Das hilft auch, unerwünschte Pflanzen, wie den Sommerflieder zurückzudrängen oder gar keinem Wachstum Möglichkeit zu geben.
Langfristig ist das System so angelegt, dass nicht alle Bäume stehen bleiben. Bei der späteren Pflege werden gezielt die besten und zukunftsfähigsten Bäume ausgewählt und mehr Platz gegeben, während andere wieder entfernt werden. Durch die Mischung verschiedener Baumarten wird zudem das Risiko reduziert, etwa bei Krankheiten oder im Hinblick auf den Klimawandel, dass der Wald geschwächt wird.
So entsteht Schritt für Schritt ein stabiler, vielfältiger Wald, der seine Aufgaben erfüllen kann und für die Bevölkerung wieder attraktiv wird.
Du bist Ende April in Pension gegangen. Wenn du auf deine Zeit als Revierförster zurückblickst: Was nimmst du persönlich aus den vielen Jahren im Wald rund um den Buoholzbach mit?
Ich habe 1991 als junger Förster hier begonnen und den Wald über all die Jahre intensiv begleitet – durch Pflege, Veränderungen und nun auch durch die Eingriffe im Rahmen dieses Projekts. Gleichzeitig hat sich auch die Nutzung verändert: Es sind immer mehr Menschen in den Wald gekommen. Diese Entwicklung über so lange Zeit mitzuerleben, war für mich sehr spannend und eigentlich nie abgeschlossen.
Auch in Zukunft werde ich den Wald weiter beobachten, einfach für mich persönlich. Man hört als Förster nicht einfach auf, sich für den Wald zu interessieren.
Ich wünsche mir, dass in einigen Jahren wieder der Wald das Bild prägt und die Spuren der Baustelle überwachsen sind, dass hier ein vielfältiges, stabiles Naherholungsgebiet entsteht.
Aus all den Jahren nehme ich mit, dass man nie auslernt. Vieles ergibt sich durch Beobachtung und Erfahrung.
Meinem Nachfolger wünsche ich Freude an der Aufgabe und den Mut, eigene Ideen in den Bouholzbachwald einzubringen, auch wenn sie vielleicht anders sind, als ich es gemacht habe.
Und der Wald wird mir auch in Zukunft eine wichtige Kraftquelle bleiben.