Interview mit FAN-Stammtisch Präsident Christoph Graf

Interview mit Christoph Graf, Eidg. Forschungsanstalt WSL, Präsident Verein Fachleute Naturgefahren (FAN) anlässlich der Begehung des FAN-Stammtisch Zentralschweiz vom 29. Juni 2026

Der FAN-Stammtisch führt Fachpersonen aus dem Bereich Naturgefahren zusammen. Was hat den Ausschlag gegeben, den Hochwasserschutz Buoholzbach als Feierabendexkursion für 2026 auszuwählen?

Der Buoholzbach ist im Moment eine der grössten Baustellen im Wasserbau der Zentralschweiz und ist mit einem Kredit von 46 Millionen Franken eines der bedeutendsten Naturgefahrenprojekte, die im Kanton Nidwalden je realisiert wurden. Wir befinden uns mitten in der Bauphase, der Geschieberückhalteraum nimmt sichtbar Form an. Das ist ein seltenes Fenster: Man kann die Theorie aus Gefahrenbeurteilung und Variantenstudium eins zu eins an der gebauten Realität spiegeln. Für einen Stammtisch, der den fachlichen Austausch unter Naturgefahren-Spezialistinnen und -Spezialisten fördern will, ist das ideal.

Der erste FAN-Stammtisch in der Zentralschweiz fand in Luzern in einem Restaurant statt, wo grundlegende Punkte diskutiert wurden. Mit einer Feierabendexkursion sollen konkrete Inhalte diskutiert werden. Beim anschliessend Apéro können die Gespräche fortgesetzt werden, ob zum Exkursionsobjekt oder auch zu allgemeinen Themen.

Viele Teilnehmende kennen bereits Hochwasserschutzprojekte in der Zentralschweiz. Was macht das Projekt Buoholzbach aus Ihrer Sicht besonders interessant?

Die lange Vorgeschichte. Das Projekt reicht in seiner fachlichen Auseinandersetzung bis in die 1980er Jahre zurück, wurde nach dem Unwetter 2005 grundlegend neu beurteilt und hat seither mehrere Varianten durchlaufen – vom ursprünglich favorisierten Schutzdamm bis zum heute gebauten Geschieberückhalteraum. Diese Entwicklung zeigt exemplarisch, wie sich Risikobeurteilungen mit neuen Erkenntnissen, neuen Modellen und auch durch gesellschaftliche Mitspracheprozesse verändern können. Zudem ist die Doppelproblematik Geschiebe/Murgang am Buoholzbach fachlich besonders anspruchsvoll: Es geht nicht nur um Hochwasser, sondern um sehr viel Gestein und Geröll aus einer Rutschung im Einzugsgebiet.

Gibt es vergleichbare Projekte in der Region? Wo liegen die Unterschiede?

In der Zentralschweiz kennen wir einige Wildbachprojekte mit ähnlicher Grössenordnung, aber die Kombination aus Murgangpotenzial, dichter Besiedlung direkt auf dem Schwemmkegel und der Einmündung in die Engelbergeraa ist speziell. Eine Besonderheit am Buoholzbach ist auch der lange politische Weg: vom kommunalen zum kantonalen Projekt, mit einem runden Tisch und einer Mitwirkung der Grundeigentümer, die das Projekt über Jahre mitgeprägt hat. Das unterscheidet Buoholzbach von vielen rein technisch getriebenen Verbauungsprojekten, könnte aber in Zukunft häufiger vorkommen, was den Fall besonders lehrreich macht.

Mit welchen fachlichen Erwartungen reisen die Teilnehmenden nach Oberdorf? Worauf achten Spezialistinnen und Spezialisten besonders?

Erfahrungsgemäss interessiert Fachleute bei einer solchen Begehung vor allem die Schnittstelle zwischen Annahmen, Modell und Bauwerk: Wie wurden die ursprünglich modellierten Geschiebe- und Murgangfrachten konstruktiv umgesetzt? Wie wurde der Rückhalteraum dimensioniert, und wie ist der Übergang zur bestehenden Bebauung im Industriegebiet Hofwald/Bürerhof gelöst? Auch die Bauausführung selbst – Etappierung, Umgang mit dem laufenden Gewässer während der Bauzeit, Schutz vor Zwischenereignissen – ist für viele von praktischem Interesse. Daneben lernt man bei solchen Anlässen immer auch Leute kennen, mit denen man bisher nicht oder wenig zu tun hatte und kann so sein Netzwerk vergrössern.

Der Hochwasserschutz Buoholzbach verbindet Sicherheit, Landschaft und Infrastruktur auf engem Raum. Wie beurteilen Sie diese Gesamtaufgabe?

Das ist die zentrale Herausforderung am Buoholzbach: Der Geschieberückhalteraum muss eine sehr grosse Schutzwirkung entfalten – ein 300-jährliches Ereignis soll künftig keine Schäden mehr im Siedlungsgebiet verursachen –, gleichzeitig liegt er in unmittelbarer Nähe zu Industriearealen und Wohngebieten. Bemerkenswert ist, dass das Bauwerk nicht nur als reine Schutzinfrastruktur, sondern auch mit ökologischer Aufwertung und als Naherholungsraum konzipiert wurde. Das ist aus meiner Sicht zeitgemässer Hochwasserschutz: Sicherheit zuerst, aber mit Mehrwert für Landschaft und Bevölkerung.

Das Projekt ist etwa in der Halbzeit der Bauarbeiten. Weshalb ist gerade jetzt ein Blick hinter die Kulissen spannend?

Weil man jetzt beides noch sieht: die ursprüngliche Topografie und das werdende Bauwerk im direkten Vergleich. Mit Baustart Ende 2024 und einer angestrebten Schutzwirkung ab Ende 2027 befinden wir uns ungefähr in der Mitte der Bauzeit. Die grossen Erdbewegungen und der Rohbau des Rückhaltesystems sind im vollen Gang, aber noch nicht abgeschlossen – ein Stadium, in dem man die Baulogistik und die technischen Lösungen besonders gut nachvollziehen kann, bevor alles begrünt und in die Landschaft eingebettet ist. Für mich besonders spannend ist der Vergleich zum letzten offiziellen Besuch vor über 10 Jahren, also noch keine neuen Schutzmassnahmen realisiert waren.

Naturgefahrenprojekte stehen oft im Spannungsfeld zwischen Technik, Umwelt und Bevölkerung. Welche Entwicklungen beobachten Sie generell bei modernen Hochwasserschutzprojekten?

Drei Tendenzen fallen mir auf: Erstens werden Risikobeurteilungen heute systematisch mit Bandbreiten und Szenarien statt mit starren Einzelwerten gearbeitet, um Unsicherheiten transparent zu machen. Zweitens gewinnt die frühe Einbindung der Bevölkerung – Mitwirkungsverfahren, runde Tische – deutlich an Bedeutung, auch wenn das Verfahren dadurch länger dauert. Drittens werden Schutzbauten zunehmend multifunktional gedacht: Geschieberückhalt, Ökologie und Naherholung in einem Bauwerk zu vereinen, ist heute eher Standard als Ausnahme. Das sind herausfordernde Entwicklung, was nur durch gut funktionierende Teams aus solid ausgebildeten und breit denkenden Fachpersonen erfolgreich umgesetzt werden kann.

Was wünschen Sie sich, dass die Teilnehmenden vom Besuch mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass sichtbar wird, wie viel fachliche und gesellschaftliche Arbeit hinter einem solchen Bauwerk steckt – von den ersten Geschiebeabklärungen über die Modellierungen bis zur politischen und partizipativen Umsetzung. Und dass der Austausch unter Kolleginnen und Kollegen neue Denkanstösse für die eigene Projektarbeit gibt.

Interview nach der Begehung


Können Sie sich vorstellen, dass dieser Geschieberückhalt mit dem Abschlussbauwerk für Forschung und Lehre ein geeignetes Anschauungsobjekt wird und so beitragen kann, solche Schutzbauten weiterzuentwickeln?

Ja, unbedingt. Das Projekt ist nicht nur aus wasserbautechnischer Sicht interessant, sondern insbesondere wegen der Vielzahl an Prozessen, die zur heutigen Lösung geführt haben. Spannend ist nicht allein die Frage, wie die technisch beste Variante gefunden wurde, sondern auch, welche weiteren Faktoren in die Entscheidungsfindung eingeflossen sind.

Neben den fachlichen Aspekten gehören dazu Themen wie die Geschichte des Projekts, Landerwerb und Landabtausch, die Zusammenarbeit mit Gemeinden, sowie die Überzeugungsarbeit gegenüber Anwohnenden und weiteren Betroffenen. Gerade diese Fragestellungen sind wichtige Inhalte in der Aus- und insbesondere in der Weiterbildung von Fachpersonen.

Während in der Grundausbildung die technischen Grundlagen im Vordergrund stehen, gewinnen bei komplexen Grossprojekten zunehmend auch kommunikative Kompetenzen wie Diplomatie und Verhandlungsgeschick an Bedeutung. Der Hochwasserschutz Buoholzbach zeigt eindrücklich, welche Herausforderungen und Anforderungen solche Projekte für alle Beteiligten mit sich bringen.

Auf kantonaler Ebene darf der Buoholzbach deshalb durchaus als Vorzeigeprojekt bezeichnet werden. Nicht zuletzt aufgrund seines grossen Einzugsgebiets und seiner Komplexität bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse für zukünftige Generationen von Fachpersonen

Haben Sie bei der Begehung etwas beobachtet, was Sie in Ihrer Arbeit an der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL allenfalls näher untersuchen oder weiterverwenden können / wollen?

Spannend bleibt insbesondere die Frage, wie sich einzelne Bauwerkselemente bei einem grösseren Ereignis tatsächlich verhalten werden. Ein Beispiel dafür ist die Brücke über den Buoholzbach mitten im neuen Bauwerk, welche die Zufahrt zu den angrenzenden Liegenschaften sicherstellt. Sie ist primär auf den Hochwasserfall ausgelegt und könnte bei sehr grossen Ereignissen zeitweise verschüttet werden oder im Ereignisfall sogar temporär gesperrt werden müssen.

Von Interesse ist zudem die langfristige Entwicklung des Einzugsgebiets im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Die Frage wird sein, ob sich die prognostizierten Veränderungen im Voralpenraum tatsächlich in der erwarteten Form zeigen oder ob die Entwicklung langsamer verläuft als beispielsweise in hochalpinen Gebieten.

Solche Projekte bieten die Möglichkeit, Prozesse über viele Jahre hinweg zu beobachten und wertvolle Erkenntnisse für die Weiterentwicklung von Naturgefahrenmodellen und Schutzkonzepten zu gewinnen.

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