Ein Unternehmen. Ein Hochwasserschutzprojekt.
Vom drohenden Standortverlust zur langfristigen Perspektive: ein Rückblick auf rund 20 Jahre Projektgeschichte.
(von links nach rechts) Patrick Gasser, Max Leuthold, Paul Leuthold
Interview mit Paul und Max Leuthold, Gebr. Leuthold Immobilien AG und Patrick Gasser, Leuthold Metallbau AG
Als die ersten Projektideen vor rund 20 Jahren bekannt wurden, war vorgesehen, dass Ihr Unternehmen den Standort verlassen müsste. Wie haben Sie diese Nachricht damals aufgenommen?
Die ersten Gespräche fanden 2005/2006 statt, unmittelbar nach dem Ereignis. Damals wurde uns mitgeteilt, dass die ganze Liegenschaft Hofwald künftig in der roten Gefahrenzone liegen würde und wir den Standort verlassen müssen. Wir wurden zu einer Besprechung bei der Baudirektion eingeladen und mit den ersten Details konfrontiert. Das war für uns ein einschneidender Moment. Es fühlte sich an, als würde einem der Boden unter den Füssen weggezogen.
Klar war zunächst eigentlich nur, dass wir wegmüssen. Wie es für unser Unternehmen weitergehen sollte, war hingegen völlig offen. Auch die damaligen Vorstellungen zur Entschädigung für das Land liessen aus unserer Sicht viele Fragen unbeantwortet. Diese Ungewissheit war enorm belastend.
Was hätte ein Standortwechsel für Ihr Unternehmen bedeutet, also aus heutiger Sicht?
Unser erster Gedanke war tatsächlich: Müssen wir den Betrieb schliessen? Was machen unsere Mieter? Wir verfügen hier über rund 16’000 Quadratmeter Industriefläche. Einen vergleichbaren Standort im Eigentum zu finden, wäre äusserst schwierig gewesen. Wir wussten weder, wohin wir gehen könnten, noch wie eine solche Auslagerung überhaupt zu bewältigen wäre. Die Situation war für uns alle sehr schwer zu ertragen.
Deshalb haben wir uns in unzähligen Sitzungen mit den Gemeinden Oberdorf und Wolfenschiessen intensiv eingebracht. Nach einigen Jahren wurde von Seite der Gemeinden ein Mitwirkungsverfahren angestossen, bei welchem sich alle Direktbetroffenen einbringen durften. Zusätzlich haben wir uns auf eigene Kosten beraten lassen und uns mit vergleichbaren Hochwasserschutzprojekten auseinandergesetzt. Uns war insbesondere wichtig, dass für alle Betroffenen nachvollziehbare und faire Lösungen gefunden werden.
Im Laufe der Projektentwicklung wurde das Hochwasserschutzprojekt überarbeitet, es erhielt eine neue Dimension. Es wurde klar, dass Ihr Betrieb am heutigen Standort bleiben kann. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?
Mit der Weiterentwicklung des Projekts veränderte sich auch die Zusammenarbeit. Während die erste Phase für uns stark von der Frage geprägt war, welche Konsequenzen wir tragen müssen, wurde der Prozess später zunehmend kooperativer. Mit der Übernahme des Projekts durch den Kanton und der weiteren Planung eröffneten sich neue Möglichkeiten.
Wir wurden im weiteren Verlauf immer wieder einbezogen und konnten unsere Anliegen einbringen. Es gab mehrere solche «Mutschritte», die uns gezeigt haben, dass eine Lösung möglich sein könnte. Gleichzeitig haben wir uns fachlich beraten lassen und einen eigenen Ingenieur beigezogen, um die Situation besser beurteilen und unsere Position fundiert einbringen zu können.
Die 14 Jahre Ungewissheit hatten auch direkte Auswirkungen auf unseren Metallbaubetrieb. Solange nicht klar war, ob der Standort erhalten bleibt, war zum Beispiel auch eine verlässliche Nachfolgeplanung schwierig. Für uns stand fest: Wenn wir einmal pensioniert sind, werden wir nicht nochmals einen Betrieb an einem neuen Standort aufbauen. Im Frühjahr 2019 kam schliesslich die erlösende Nachricht, dass wir am bestehenden Standort bleiben dürfen. Von da an hatten wir wieder eine Perspektive – für den Standort und damit für die Nachfolge unseres Metallbaus und auch für alle unsere Mieter.
Heute entstehen die Schutzbauten direkt neben Ihrem Unternehmen. Wie erleben Sie die Bauzeit im Alltag?
Die Bauarbeiten erleben wir insgesamt sehr positiv. Lärm ist kaum ein Thema. Zeitweise entsteht durch die vielen Lastwagen recht viel Staub, der sich auch am Gebäude niederschlägt. Aber wir haben einen sehr guten und direkten Draht zu den Projektverantwortlichen. Wenn etwas anfällt, wird unkompliziert reagiert. Beispielsweise wurde auch schon mit einem Reinigungsfahrzeug die Durchfahrtsfläche gewischt und gespült.
Wir erdulden diese Immissionen, denn wir wissen, was wir am Ende erhalten: langfristige Sicherheit und eine Perspektive für den Metallbau, die Mitarbeitenden und alle Mieter. Für das Projekt haben wir knapp 3’000 Quadratmeter Grundstücksfläche abgetreten. Das ist zwar schmerzlich, aber – wir dürfen bleiben und uns weiterentwickeln. Das heutige Projekt entspricht im Wesentlichen der Lösung, für die wir uns auch eingesetzt haben.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das Projekt abgeschlossen ist und die Bauarbeiten der Vergangenheit angehören? Was wird dieser Moment für Sie persönlich und für Ihr Unternehmen bedeuten?
Rückblickend ist es schon eindrücklich, dass wir während rund 14 Jahren nicht wussten, wie es mit unserem Standort weitergeht. In dieser Zeit waren wir in vielen Bereichen blockiert und hatten praktisch keine Entwicklungsmöglichkeiten. Das hat viel Energie gekostet. Seit 2019 ist die Situation eine andere: Wir können wieder planen, nach vorne schauen und investieren. Das ist eine grosse Erleichterung.
Auch landschaftlich wird es spannend. Als der Wald gerodet wurde, war das im ersten Moment schon ein Schock. Wir freuen uns deshalb auf die Zeit, wenn es rund um unseren Betrieb wieder grüner wird. Die Aussicht hat sich durch das Projekt stark verändert, wobei wir mit einem Schmunzeln auch sagen müssen: Im Betrieb haben wir heute mehr Licht in den Hallen als früher. Gleichzeitig merken wir aber auch, was der Wald geleistet hat: Er hat Schatten gespendet, gekühlt und einen Teil des Staubs zurückgehalten. Deshalb freuen wir uns, wenn der Damm auch auf unserer Seite wieder bepflanzt ist.
Was wünschen Sie sich für die verbleibende Bauzeit und für die Zeit danach?
Wir wünschen uns, dass es so weitergeht wie bisher: mit gegenseitigem Verständnis, einer offenen Kommunikation und einer guten Zusammenarbeit. Wenn Probleme auftauchen, spricht man miteinander und sucht gemeinsam nach einer Lösung. Genau diese Haltung wünschen wir uns auch für die verbleibende Bauzeit.
«Als die Baustelle zum Erlebnis wurde»
Als nach der Rodung die schweren Baumaschinen auffuhren, entstand aus der unmittelbaren Nachbarschaft zur Grossbaustelle auch ein besonderes Erlebnis für das Metallbau-Team: An einem Freitag durfte die Belegschaft selbst einmal einen Bagger bedienen und einen Kipplader fahren. Anschliessend wurde gemeinsam mit Mitarbeitenden der ausführenden Baufirma PK Bau grilliert.
«Das war für unser Team ein spezieller und sehr schöner Moment. Mein Ziel war auch, dass man sich gegenseitig kennenlernt, weil wir doch 2–3 Jahre nebeneinander arbeiten», erinnert sich Metallbau Inhaber und Geschäftsführer Patrick Gasser.