Kalkbrennofen-Fund im Buoholzbachgebiet
Interview mit Christian Harb, Fachstelle Archäologie Nidwalden
Bei den Bauarbeiten für den Hochwasserschutz Buoholzbach wurde ein historischer Kalkbrennofen entdeckt. Wie aussergewöhnlich ist ein solcher Fund (in Nidwalden)?
Für Nidwalden ist es meines Wissens der zweite Fund dieser Art. Bei einer Friedhofsgrabung an der Nägeli-/Knirigasse in Stans wurden ebenfalls die Reste eines Kalkbrennofens dokumentiert. Dieser datiert ins Frühmittelalter (7./8. Jh.) und stand eventuell im Zusammenhang mit dem Bau der ältesten Kirche vor Ort. Hinweise für Kalkbrennöfen wurden aber nie systematisch gesammelt. Flurnamen zeigen, dass Kalkbrennöfen auch im Alpenraum durchaus häufig waren. Aus dem Kanton Uri sind beispielsweise mehrere Dutzend Standorte bekannt.
Können Sie kurz erklären, wozu ein Kalkbrennofen früher genutzt wurde und welche Bedeutung solche Anlagen für die damalige Bevölkerung hatten?
Einfache Feldöfen wie im Buoholz wurden vor allem im Mittelalter und in der Neuzeit, im Alpenraum bis ins 20. Jh. benutzt. Sie dienten der Herstellung von Branntkalk, der als Mauerverputz, zur Desinfektion von Ställen oder mit Sand und Wasser vermischt als Mörtel diente. Die Feldöfen bestanden aus einer runden Trockenmauer und einer Brennkammer. Um gebrannten Kalk zu bekommen, muss dieser während mehrerer Tage auf über 1000°C erhitzt werden. Der Kalk wird dadurch aber sehr ätzend und muss mit Wasser kontrolliert gelöscht werden, damit er verwendet werden kann. Ein noch funktionstüchtiger Kalkbrennofen steht übrigens im Freilichtmuseum Ballenberg.
Was ging Ihnen als Erstes durch den Kopf, als der Fund gemeldet wurde? War Ihnen sofort klar, dass es sich um einen Kalkbrennofen handelt?
Da ich auf diesem Gebiet kein Experte bin, musste ich ehrlich gesagt erst einen Kollegen fragen. Bereits die mir zugesandten Fotos zeigten für ihn aber ein eindeutiges Spurenbild.
Die Untersuchung mittels Radiokarbonmethode (14C-Analyse) datiert den Befund grob ins 15. bis frühe 17. Jahrhundert. Was verrät uns dieses Alter über die Nutzung des Gebiets rund um den Buoholzbach?
Der Kalkbrennofen datiert in die «Neuzeit» und dieser Begriff zeigt, dass er für archäologische Verhältnisse nicht besonders alt ist. Im späten Mittelalter, im 13./14. Jh., wird von einem «Landesausbau» gesprochen, bei dem mit einem überdurchschnittlichen Bevölkerungswachstum zu rechnen ist, auch in Nidwalden.
Dass beim Buoholzbach ein Kalkbrennofen betrieben wurde, ist sicher kein Zufall. So sind zum Brennen grosse Mengen an Holz notwendig, das hier sicher noch verfügbar war. Das Rohmaterial, Kalkstein, war hier ebenfalls vorhanden und Wasser zum Löschen konnte einfach vom Buoholzbach herangeführt werden.
Können Sie für einen Laien verständlich beschreiben, was eine C14-Analyse ist?
Die Radiokarbonmethode beruht auf dem Kohlenstoffisotop 14C. Dieses zerfällt zwar, wird in lebenden Organismen aber stetig erneuert, weshalb der 14C-Gehalt konstant bleibt. Erst nach Absterben des Organismus nimmt dieser Gehalt stetig ab. Da man die Dauer des Zerfallsprozesses von 14C kennt, kann das Jahr, in dem der Organismus gestorben ist, berechnet werden. 14C-Daten haben aber eine Ungenauigkeit von ca. 100–300 Jahren.
Besonders bemerkenswert scheint zu sein, dass der Ofen unter mächtigen Bachschuttablagerungen verborgen lag. Welche Erkenntnisse gewinnen Sie daraus?
Es war für mich erstaunlich, dass der Befund unter mehreren Metern Bachschutt lag. Dies zeigt eindrücklich die Dynamik, die in diesem Gebiet herrschte und offensichtlich logisch, dass hier ein Hochwasserschutzprojekt realisiert wird. Der Fund zeigt auch, wie schwierig es für die Archäologie ist, abzuschätzen, in welcher Tiefe archäologische Fundstellen anzutreffen sind.
Zeigt dieser Fund, dass Naturereignisse und Bachablagerungen im Buoholzbachgebiet über Jahrhunderte hinweg die Landschaft immer wieder verändert haben?
Ja. Wenn die Landschaft vor einigen hundert Jahren anders ausgesehen hat, wie war das denn vor einigen Tausend Jahren? Die Talsohle und die Hänge waren sicher anders modelliert, dies gilt für das ganze Voralpengebiet. Diese andere Vorstellung der Landschaft, ist für mich aber gerade ein Reiz in der Archäologie.
Welche Bedeutung hat dieser Fund für die Archäologie in Nidwalden? Eröffnet er neue Fragestellungen oder Forschungsansätze?
Wie bereits gesagt, sind Kalkbrennöfen keine ungewöhnlichen Befunde, wenn es für Nidwalden auch erst der zweite Hinweis ist. Um technische Aspekte untersuchen zu können, waren die Reste beim Buoholzbach zu schlecht erhalten. Im Kanton Uri wurde aber beispielsweise beobachtet, wie im Laufe der Zeit die Standorte von Kalkbrennöfen weg vom Talboden in höhere Lagen verschoben wurden. Dies wird als Hinweis interpretiert, das Brennholz im Tal knapp wurde. Solche Funde erlauben also auch Rückschlüsse auf die Entwicklung und Nutzung der Kulturlandschaft.
Könnten im Umfeld des Buoholzbachs noch weitere archäologische Überraschungen verborgen liegen?
Zufallsfunde wie dieser sind immer und praktisch überall möglich. Mit Siedlungen, Gräbern u.a. ist hier aber nicht zu rechnen.
Kann die Bevölkerung aus diesem Fund etwas mitnehmen?
Einzelne Beobachtungen sagen relativ wenig aus. Der Kalkbrennofen ist aber ein Puzzleteil, das hilft die Geschichte von Nidwalden zu rekonstruieren – ein Geduldsspiel, eben wie ein Puzzle. Jedenfals gilt: Solche Beobachtungen bitte immer der Fachstelle Archäologie melden, wie es beim Kalkbrennofen durch Nadine Philippi vom Amt für Wald und Naturgefahren auch gemacht wurde!